Hochwürden geht auf Wallfahrt (5)

Vom Glockenläuten und Rosenkränzen

Endlich Sonntag! Ausschlafen war angesagt. Aber wer glaubte, dem wäre so, der hatte sich gewaltig geschnitten. Schließlich und endlich war das hier ein Wallfahrtsort mitten im tiefgläubigen erzkatholischen Bayern, nahe dem Bistum Bamberg. Es war kurz vor 5 Uhr früh, als Berta von Böllerschüssen geweckt wurde. Da sie nicht wußte, was das war, erschrak sie schrecklich. Sie legte sich kurz noch einmal zurück, als bereits die Kirchenglocken mit mächtigen Geläut sie erneut hochschrecken ließen. Sie blickte nochmals auf ihre Uhr, weil sie dachte sich vorhin geirrt zu haben. Aber es waren nur wenige Minuten seit den Böllern vergangen. Sie versuchte langsam aus dem Bett zu kriechen, was ihr nicht gelang. Sie war noch viel zu müde und außerdem war ja Sonntag. Doch eigentlich sollte ich mal aus dem Dachfenster sehen, ging es ihr durch den Kopf. Noch mit dem Gedanken und der Müdigkeit beschäftigt, klopfte es bereits an ihrer Tür.

“Berta Wilhelmine” hörte sie Hochwürdens Stimme. “Aufstehen wir müssen zum Gottesdienst.” Er war wohl gestern am späten Abend noch angereist , dachte sie. “Hallo Berta, hast du mich gehört? Aufstehen !” setzte er noch einmal nach. Berta grunzte kurz eine Antwort zurück, bevor sie nun endgültig sich aus dem Bett erhob. Mist, großer Mist, jammerte sie. Nicht einmal am Sonntag und im Urlaub kann man ausschlafen. Sie warf sich noch einmal in die Kissen, um danach sich doch aus dem Bett zu zwingen. Die Kirchenglocken läuteten so schrecklich laut und auf der Straße hörte man bereits Gesänge und Blasmusik, dass sie sich gerne aus dem Bett erhob. So nahe an der Basilika konnte man sich von dem Festgeläut und den Gesängen nicht entziehen, war nun ihre endgültige Meinung. “Na, ja ich habe den Gasthof hier nicht ausgesucht,” führte sie das Selbstgespräch fort.

“Nicht mal seine eigene Stimme kann man bei dem Prozedere verstehen”, setzte Berta noch hinzu. “Bin gespannt was da alles noch kommt.” Sie öffnete das Fenster und da sah sie auch schon die ersten Pilger am Haus vorbeiziehen. Interessiert schaute sie dem bunten Treiben zu, denn so etwas sieht man nicht alle Tage kam, es Berta in den Sinn. Die Prozession war in unterschiedlichen Gruppen aufgeteilt. Jeder Gruppe ging ein Mann voraus, den Tirolerhut akkurat auf dem Kopf teilweise mit übergroßen Gamsbart obenauf, eine breite Schärpe um den Körper an dem die Monstranz festgemacht war, die er mit kräftigen Händen umklammerte.

Die Gruppen waren streng nach Geschlechtern getrennt, ordentlich und sittlich in tief schwarzer Kleidung fast ausschließlich mit schwarzer Kopfbedeckung oder Tüchern. Wieder andere in unterschiedlichen Trachten, in langen Röcken und teilweise mit Blumen in den Händen, darunter war der Rosenkranz. Zwischen den einzelnen Gruppen waren die Musiker, die je nach dem mit Kirchliche oder auch weltliche Lieder für die Wallfahrer spielten. Die Gesänge, Gebete, die Musik und das noch immer starke Glockengeläut von der Basilika war Ohrenbetäubend.

“Schließlich war es ja auch sehr weit von hier aus in den Himmel, da muss man bei so vielen “Mitwallfahrern” schon ordentlich laut werden, wenn man sich dort oben Gehör verschaffen will” , sagte Berta jetzt laut vor sich hin. Der Blick aus ihrem Schlafgemach, auf die vielen Prozessionsteilnehmer, die auf dem Weg zum Kreuzberg zu so früher Stunde aufgebrochen waren, ließ schon so eine gewisse Bewunderung bei Berta hochsteigen. Die Gläubigen marschierten festen Schrittes die Straße hinunter, zu einem am Ende der Straße stehenden Wegkreuz. Dort hielten sie an. Nur noch von weitem konnte man das Gemurmel vernehmen. Nach geraumer Zeit begann die Blasmusik zu spielen “Großer Gott wir loben dich….

Während Berta Wilhelmine völlig eingefangen von dem was sie sah noch an ihrem Fenster stand , polterte es schon wieder an ihrer Türe. “Hallo Berta, wie sieht es aus, bist du soweit”, ertönte wieder die Stimme von Pfarrer Cornelius. “Wir sollten uns doch für den nächsten Gottesdienst vorbereiten, um dann an der Prozession teilzunehmen”. Berta hatte nun absolut keine Lust sich jetzt für die Kirche fertig zu machen. So rief sie Hochwürden zu, er möge doch alleine gehen und sie würden sich später beim Frühstück treffen. “Aber Berta das können sie mir nicht antun. Wir sind doch extra wegen der heutigen Prozession hier angereist”, antwortete Hochwürden. “Jaja, vielleicht ist das was für sie, ich brauche das heute nicht”, entgegnete sie ein wenig forsch. “Wir sehen uns beim Frühstück, aus basta!”

Berta wusste genau jetzt würde Hochwürden ohne sie gehen. Sie wollte wegen dem Gottesdienst in der Basilika nicht ihre Beobachtungen einstellen. Schließlich hatte man sie gestern Abend aus der Kirche hinauskomplimentiert. Und das werde sie Pfarrer Cornelius schon noch sagen. Außerdem, was wollte er überhaupt hier? Er ist doch genauso wenig Katholisch wie sie. Diese Frage sollte sie noch eine Weile beschäftigen……und zwar nicht zu knapp.

Mittlerweile hatte sich die Gruppe der Wallfahrer wieder in Bewegung gesetzt. Es war auch ruhiger geworden und das Geläute der Dreifaltigkeit Basilika war verstummt. Von weitem hörte man noch immer wieder die Gesänge, die vom Wind herüber getragen wurden. Die Prozession ging nun auf den Kreuzberg, der genau gegenüber der Burgruine lag. Das große Kreuz des Berges thronte über dem Ort. Dort oben sollte die Wallfahrt mit Gesängen und Gebeten ihren Höhepunkt finden. Berta hatte sich inzwischen auf die Socken gemacht und sich genau unterhalb des Kreuzberges eingefunden. Zu ihrer großen Verwunderung bemerkte sie, dass sie nicht alleine hier her gekommen war. Es hatten sich noch andere Neugierige versammelt.

Einige sangen sogar mit, als die Pilger über uns zu singen begannen. Danach setzte sich der Pilgerzug langsam in Bewegung und ging den kurzen Rundweg hinunter zur Basilika. Dort versammelten sie sich noch einmal im Gotteshaus um dort vor ihrer Heimreise die Hostie in empfang zu nehmen und den Segen zu bekommen.

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