Mein Opa kommt zu Besuch*

Mathilda saß am Tisch bei ihren Hausaufgaben. Sie war sehr konzentriert und musste sich beeilen. Nachher wird sie mit Mama zum Bahnhof fahren und den Opa abholen. Endlich war es soweit. Heute Abend wird der Zug nach so langer Zeit ihren Opa wieder bringen. Schon seit Tagen war sie aufgeregt. Seit über einem Jahr hatte sie Opa nicht mehr gesehen. Darüber war sie sehr traurig.

Immer wieder schaute sie auf die Uhr, aber die Zeit ging endlos langsam vorbei, ja, sie schlich geradezu. Wenn sie wenigstens schon mit den Schularbeiten fertig wäre, dachte sie. Aus der Küche kamen Geräusche, die sich nach Vorbereitungen für das Abendessen anhörten. Sie hörte wie sich die Eltern darüber unterhielten, was es heute Abend zum Nachtisch geben sollte.

Plötzlich hatte sie keine Lust mehr, weiter an ihren Hausaufgaben arbeiten, oder sie gar fertigzustellen. Schon eine Weile hatte sie nebenbei nachgedacht, wie man diese schrecklichen Dinge irgend wie später erledigen konnte. Plötzlich kam ihr eine richtig gute Idee, wie sie es machen könnte um mit den Schularbeiten noch zu warten. Das konnte alles viel besser gehen, wenn der Opa erstmal da ist. Dann würden sie sich hier zusammen hinsetzen und Opa würde ihr dabei helfen und alles ging natürlich viel besser und schneller. Bei dem Gedanken packte sie alles in die Schultasche und setzte sich in den großen Schaukelstuhl vor dem Kachelofen. „Kalt ist es geworden“, hörte sie die Mutter sagen, als diese ins Zimmer kam.

„Bist du schon fertig“? fragte sie Mathilda. Diese nickte nur ein wenig leicht mit dem Kopf ohne zu antworten. Sie wußte das war wiedereinmal geschwindelt, aber ja, sie hatte ja nichts gesagt. Und wenn später der Opa da ist, wird es gar nicht auffallen wenn sie beide die Aufgaben zusammen fertig machten. Die Eltern werden sowieso in der Küche das Abendessen zubereiten. Außerdem es war ja nicht gelogen, nur ein wenig geschwindelt und das musste jeder verstehen, der in so ein Kinderherz hineinsehen konnte. Nun gab es für sie eben nur noch den Besuch und sonst nichts mehr.

Aus dem Flur hörte sie die Mama rufen, „Mathilda, komm wir müssen los!“ ja, sie mussten noch erst mit der S-Bahn zum Bahnhof fahren und das dauerte ein Weilchen. Mathilda wohnte mit ihren Eltern in einer großen Stadt in den Niederlanden. Man konnte nicht so einfach wie in kleinen Städten alles mit dem Auto, oder Fahrrad erledigen. Auch war nicht alles was so gut zu Fuss zu bewältigen, es waren immer weite Strecken. Dann wurde selbstverständlich viel mit der S- Bahn gemacht. So war es eben auch jetzt, wenn man zum Bahnhof wollte, um den Großvater abzuholen.

„Mama, wann kommt der Zug mit Opa an und gehen wir auf den Bahnsteig“, fragte Mathilda. „Natürlich meine Süße“, sagte die Mama und streichelte Mathilda dabei über den Kopf. Sie war ihr ganzer Sonnenschein. Ja, auch sie war aufgeregt, ihren Vater endlich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Ständig mussten sie die bevorstehenden Besuche aus verschiedenen Gründen verschieben, besonders aber wegen dem mehrmals verhängten Lockdown. Was doch diese Quarantäne und dieser Virus alles in dem vergangenem Jahr angerichtet hatte? Sie seufze ein wenig und drückte ihre Kleine noch ein bisschen fester an sich.

Endlich war die Bahn gekommen und jetzt ging es doch schneller als Mathilda geglaubt hatte. Ihr kleines Herz klopfte heftig. Im Bahnhof angekommen ging es die Rolltreppe nach oben und dann den Bahnsteig entlang zu Gleis fünf. Dort sollte der Zug eintreffen. Mathilda war so aufgeregt, dass sie plötzlich begann, auf dem Bahnsteig im Kreis zu laufen und dabei vor sich hin sang. Bitte bleib mal stehen , sagte die Mutter und nahm ihre Kleine ein wenig zu sich her, doch diese hatte jetzt lauter Hummeln in ihrem Allerwertesten, wie die Uroma sagen würde. „Al4so, aber nicht an die Kante gehen und nur um mich herum laufen“, sagte die Mutter noch, als sie Mathilda wieder los ließ. „Und hörst du, wenn im Lautsprecher die Ansage kommt, dass der Zug einfährt, dann bleibst du hier bei mir stehen“. „Ja, abgemacht!“ rief Mathilda.

Kurz danach ertönte die Stimme einer freundlichen Dame aus dem Lautsprecher: Achtung Achtung ! Sehr verehrte Damen und Herren. Auf Gleis fünf fährt in wenigen Minuten der verspätete IC 11748 ein.Planmäßige Ankunft 15:34 Uhr. Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten. Mathilda blieb kurz in ihrem angefangen Kreis, den sie gelaufen war, stehen und dann ging sie wie versprochen schnell zu der Mama, die sie fest an der Hand hielt. Und nun fuhr der Zug auch schon ins Bahnhofsgelände ein. Beide, Tochter und Enkelin standen am Bahnsteig und schauten gespannt wie sich auf einen Schlag die Türen öffneten. Wie wild gewordene Wespen drängten die Menschen aus dem Zug und eilten mit und ohne Gepäck dem Ausgang zu.

Dann rief plötzlich Mathilda: „Opa, hallo Opa! und beiden Mareike und Mathilda liefen so gut es in dem Gedränge möglich war los und eilten auf den Opa zu. „Oh wie schön! endlich euch wieder zu sehen“, sagte er und drückte zuerst die Kleine Enkelin ganz fest an sich und gab ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Dann nahm er seine Mareike seine Tochter in den Arm drückte und herzte sie. Alle drei hatten ein klein wenig feuchte Augen. Immer und immer wieder drückten sie sich fest. Mathilda legte ihre Kleine Hand in die große Hand von Opa, der sie schnell mit der andere zudeckte während er sagte,“ die kleinen Patschhändchen sind ja ganz kalt. Komm lass sie mich wärmen“. Sie schauten sich alle an, und wer so ein wenig näher bei den Dreien stand konnte bemerken, wie gerührt sie alle waren. Während sie in Richtung Ausgang marschierten, drücke Opa seiner kleinen Enkelin fest die Hand und wischte sich ein wenig verstohlen um die Nase. Dort hatte sich eine Träne den Weg nach draußen gesucht. Opa war unendlich glücklich, wie schon lange nicht mehr seine Tochter und Mathilda wieder zu sehen. Als sie aus dem Bahnhof heraustraten, fuhr gerade eine S-Bahn heran. Kommt schnell, das ist unsere Linie, dann müssen wir nicht auf die nächste warten, rief Mareike den beiden zu. Ja, das war echt Glück die Bahn noch zu erwischen.

Das Abteil war denn auch gut besetzt, denn der Berufsverkehr war bereits in vollem Gange. Mathilda saß dem Opa gegenüber und schaute ihn unverwandt an. Oh, mein Opa ist endlich da, dachte sie. Die Fahrt war für alle kurzweilig, obwohl sie sehr wenig ineinander redeten. Der Mundschutz ist schon ein keines Hindernis für Gespräche, vor allem dann, wenn man sich lange nicht mehr gesehen hatte, und die Geräuschkulisse in einer S- Bahn auch nicht gerade leise ist.

Einige Zeit später war ihr Ziel erreicht. Mathilda’s Vater war gerade dabei den Teig für die Pizza auszuziehen als die drei eintrafen. Inzwischen erzählte Mathilda ununterbrochen was sie alles dem Opa zeigen, was sie mit ihm unternehmen wollte und dass er morgen mit ihr unbedingt ins Ballett gehen müsse. Die Kleine konnte sich kaum noch bremsen, während sie ein ums andere Mal die Hand von Opa streichelte und ihn ansah.

„Kannst du mir helfen“, flüsterte sie plötzlich, „ich bin noch nicht mit meinen Schularbeiten fertig“. „Natürlich!“ flüsterte Opa zurück. Dann schlüpften sie so leise des ging ins Wohnzimmer und Mathilda holte schnell ihre Schultasche und packte ihre Heft aus. Beide waren ganz in Mathilda’s Hefte vertieft, als die Mama ins Zimmer kam. “ Dachte ich es mir doch“, sagte sie nur, als sie die beiden am Tisch über den Schularbeiten sitzen sah. Mathilda tat als hätte sie nichts gehört und der Opa zwinkerte seiner Tochter ein wenig zu und legte den Finger auf den Mund. „Na na, haltet nur zusammen“ meinte Mareike während sie das Geschirr fürs Abendessen auf den großen Esstisch stellte. Dann verschwand sie wieder in der Küche. Mathilda und Opa schauten sich freudig an und dann schlugen sie ihre beiden Hände gegeneinander, wie man das so macht, wenn alles gut gegangen ist. „Aber jetzt schnell, meine Kleine“ sagte Opa, „wir wollen doch fertig sein, bis die Mama wieder kommt.“

Dann wurde auch schon die Vorspeise herein gebracht und alle fanden sich am Tisch ein. Mathilda hatte ihre Hausaufgaben beendet und fein säuberlich wieder die Schultasche gepackt und aufgeräumt. Das erklärte sie auch der Mama, als diese ins Zimmer kam. So musste sie auch gar nicht mehr danach fragen. Jetzt konnte der Wiedersehensfeier nichts mehr im Wege stehen. Alle saßen noch lange fröhlich erzählend in der Runde bei einem herrlichen Abendessen und einem besonderen Nachtisch den es heute zur Feier des Tage gab.

Langsam wurde es für Mathilda Zeit ins Bett zu gehen, denn wie ihr Opa immer so treffend sagt: “ morgen ist die Nacht vorbei“. Doch die kleine Maus wollte nicht wie sonst von der Mama und auch nicht von dem Papa ins Bett gebracht werden. Das durfte heute nur der Opa. Natürlich nicht bevor er Mathilda ihre Lieblings Gute Nacht Geschichte vorgelesen hatte,, Kater Leo und der gestreifte Pullover“.

Opa begann zu lesen : „Eigentlich ist Kater Leo ein zufriedener Kater. Nur manchmal fehlt es ihm ein wenig an Abwechslung. Er mag seine Menschenfamilie sehr und sie lassen ihm zum Glück viele Freiheiten….“ viel weiter war Opa mit dem Vorlesen nicht mehr gekommen. Mathilda war so müde gewesen, dass sie schon bei den ersten Sätzen eingeschlafen war. Der Opa gab der Kleinen noch vorsichtig einen Gute Nacht Kuss, löschte das Licht und ging zu den anderen zurück. Auch für ihn würde es nicht mehr so lange werden, denn die Reise war anstrengend genug gewesen. Und so ging Opa auch bald zu Bett, denn morgen sollte ein neuer Tag mit vielen Erlebnissen auf ihn warten.

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