Der letzte Akt

Heute ist Montag der 20.Juli 2020. Am frühen Morgen habe ich bei der Friedhofsverwaltung in Radolfzell angerufen. Firma Hangarter hatte mir am Freitag mitgeteilt, dass der Grabstein für Jürgen fertig wäre und sie Selbigen noch am gleichen Tag der Friedhofsverwaltung übergeben haben. Gleichzeitig würden sie dort Bescheid geben, dass ich bei der Setzung des Steins, dabei sein wollte. Mit diesem letzten Ritual, das mir sehr wichtig ist, sollte es zu einen endgültigen Abschluss der Beisetzungsfeierlichkeiten kommen. Was mich da alles erwartete, erstaunte mich schon. Dass es hier, außer den üblichen Vorschriften auch wirklich Pietätvoll zugehen würde, brachte meine Vorstellungen ganz durcheinander. Nach dem Vorfall mit der ersten Setzung unseres Steins und der nicht glücklichen Ausführung, war ich trotz allem ein wenig skeptisch.

Der zuständige Friedhofsverwalter wollte den Stein unbedingt noch heute setzen. Also verabredeten wir uns für 13:00 Uhr auf dem Waldfriedhof in Markelfingen. Am frühen Mittag lief ich los. Ich wollte Pünktlich sein, aber zuvor noch einen größeren Spaziergang zum Mindelsee machen. Es war herrlich durch den Wald zum See zugehen. Nur einige wenige Wanderer und einzelne Radler, auf der sonst so frequentierten Strecke, begegneten mir. So konnte ich die Stille auf der Bank am Bootshaus genießen und meinen Gedanken nachhängen.

Fast gleichzeitig traf ich mit Herrn Nohl auf dem Parkplatz vor dem Friedhof ein. Wir begrüßten uns und ich lief den kleinen Hang zum Grab hoch, während Herr Nohl mit dem Auto nach oben fuhr und bereits schon mit Arbeitshandschuhen, einigen etwas eigenartigen sogenannten Schlüsseln bewaffnet, mir auf der Treppe zu den Kavernen Gräbern begegnete.

Zuerst begann Herr Nohl den Stein der als Abdeckung auf dem Urnengrab lag zu entfernen. Leider war dieser an einer Ecke ziemlich beschädigt. Das hatte man als er noch dort lag nur ein wenig gesehen. Doch als er ihn abgenommen und auf die Seite gelegt hatte, sah man dass die Beschädigung sehr groß war. Dann nahm er nacheinander einen Schlüssel nach dem anderen öffnete die Metall- Abdeckung und legte sie an die Seite. Nun war das Urnengrab geöffnet. Danach überprüfte er den Innenraum und entfernte auf dem Rand die Erde und kleinen Steinchen die eingedrungen war. Nebenbei erklärte er mir für welchen Arbeitsgang die einzelnen Schlüssel zuständig waren.

Oben an der Innenkante im Schacht hatte sich eine Schnecke versteckt. Herr Nohl erzählte mir, dass das nichts außergewöhnliches wäre. Sie würden von der Erde aus sich dort hinein verkriechen. Es war eine Tigerschnecke oder Lima maximus wie sie lateinisch benannt ist. Sie wird zwischen 10-20 cm groß. Das besondere an ihr ist, nicht nur ihr Aussehen, das wirklich einem Tiger gleichkommt, sondern, dass sie andere Nacktschnecken, also die roten und weißen die in der Natur , besonders in unseren Gärten Frostschaden anrichten, vertilgt. Danach erklärte er mir noch, dass das Gitter unter der die Urne von meinen Mann liegen würde dazu da sei, damit darüber eine weitere Urne Platz finden würde.

Nun sollte die Metallplatte wieder eingepasst werden. Leider klappte das nicht, denn diese passte nicht in den Rahmen. Herr Nohl war ein wenig irritiert und versuchte mit allen Tricks die Platte einzusetzen, denn darauf sollt nachher der Stein liegen. Irgend etwas klemmte und er meinte in Radolfzell hätte er eine Ersatzplatte, leider hier nicht. Er ging mehrere Male zum Auto um nach anderen Werkzeugen zu sehen.

Die Hitze war inzwischen unerträglich geworden und wir setzten uns in den Schatten, auf die nahegelegene Bank. Herr Nohl nahm die Deckplatte mit und versuchte mit den Schlüsseln sie wieder zum verschließen zu bringen. Doch das war nicht notwendig, denn der Verschluss war einwandfrei. Er zeigte mir die Funktionen und erklärte, wie das dann an Ort und Stelle vor sich gehe, damit das Grab verschlossen bleibe und keine Grabschändungen vorgenommen werden können.

Dann versuchte er es noch einmal die Metall-Abdeckung anzubringen. Und wieder funktionierte es nicht. Leicht verzweifelt über sein weiteres misslungenes Vorhaben, ging er noch einmal ans Auto um was zu suchen, das ihm als Hilfe dienen könnte. Ich meine, ob er denn einen Hammer zur Hand hätte. Er bejahte, aber eigentlich meinte er, mit dem Hammer hier etwas machen zu wollen, würde die Totenruhe stören. Mir war klar, wenn er sich dazu durchringen könnte, würde es gehen.

Er brauche deswegen keine Angst zu haben, mein Mann sei handwerklich sehr gut gewesen und hätte immer viel gemacht. Also wird er sich in seiner letzen Ruhe nicht gestört fühlen. Sicherlich hätte er einen großen Spass, dass hier richtig mit Werkzeug gearbeitet wird. Also holte Herr Nohl einen Hammer und begann vorsichtig und zaghaft den Metalldeckel in den Rahmen zu klopfen. Und siehe da, es klappte. Dann verschloss er mit den verschiedenen Schlüsseln das Grab.

Anschließend wurde der Grabstein vorsichtig und von ihm gekonnt in den kleinen Rahmen der Platte eingelassen. Zuletzt wurde mit einem weiteren Schlüssel auf der Rückseite der Grabstein festgezogen. Nun könne er weder verrutschen, noch abgehoben werden. Also fertig!

Zum Abschluss setzte Herr Nohl die kleine Strandnixe noch oben auf, während er mir noch erklärte wie ich sie befestigen könnte, dass sie nicht abhanden kommen würde. Nach getaner Arbeit setzten wir uns nochmal auf die Bank, und genossen den Schatten. Nebenbei erzählte er mir von seiner Arbeit auf dem Friedhof und von den anfallenden Dingen hier, die er seit 27. Jahren Tagtäglich verrichtete. Dabei erklärte er, dass er schon viel gesehen und erlebt habe und der Meinung war, dass es nichts geben würde, was er noch nicht gehört und erfahren habe. Doch es würde immer und immer wieder Überraschungen in diesem Arbeitsbereich geben. Es war eine sehr wertvolle Erfahrung für mich und ein gutes Gespräch.

Vielen Dank für das gute Gespräch und bei der Anbindung dabei sein zu können.

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