
Ich wusste bei Gott nicht, was mich plötzlich dazu veranlasste diese Geschichte aufzuschreiben. Sie lag so unendlich lange zurück. Auch hatte ich nur wage Erinnerungen an das Geschehen, an diesen Menschen, der eines Tages in unserer Küche stand. Groß, hager, blasses Gesicht im langen Mantel, der Hut mit einer etwas breiten Krempe und einen dunklen Rucksack, den er beim Eintreten in die Küche vom Rücken genommen hatte.
Gerade wollte er etwas sagen während er mir die Hand hinstreckte, als meine Mutter am Schüttstein stehend auf ihn einschrie. Was sie sagte und was danach gesprochen wurde konnte ich nicht verstehen und auch nicht begreifen. Schließlich war ich gerade erst etwas über zwei Jahre alt. Trotzdem beschäftigte diese Begegnung und das damit verbundene Erlebnis mich mein ganzes weiteres Leben und war immer präsent. Wenn unvorhergesehene ähnlich Augenblicke im Leben auftauchen kommt mir auch heute noch diese Begebenheit ins Gedächtnis. Sie hinterlässt jedesmal einen eigenartigen Nachgeschmack und steht danach tagelang wie ein Damoklesschwert über mir und hinterlässt in meinem Kopf viele ungeklärte Fragen.
Während der Mann in leisen eindringlichen Worten auf das entsetzliche Geschrei meiner Mutter antwortete, drehte sie sich ruckartig mit dem Oberkörper zu ihm und hob drohend die Hand. Eine Geste die ich selbst nur all zu gut kannte.
Der Mann wich einige Schritte zurück, während ich dem Schrei meiner Mutter mich dadurch entzog schnell unter den Küchentisch zu kriechen. Immer wieder hörte ich die beiden, polternd und schreiend meine Mutter und leise, fasst flehentlich den Mann antworten.
Plötzlich hörte ich den Befehlston meiner Mutter, den Oberkörper zu mir nach unten gebeugt, und ihre barschen Worte hinterließen ein leichtes zittern bei mir. „Das ist dein Vater, komm sofort unter dem Tisch hervor.“ Ich war so erschrocken, dass ich mich weiter zurückzog, aus Angst eine der beiden Personen könnten mich hervorziehen.
Aus meiner Perspektive hatte ich zwischenzeitlich einen recht guten Blick auf meinen Vater. Ich kauerte mich weiter in den kleinen Winkel, zwischen Spüle und Tisch, der mir den Blick freigab um die Person näher zu betrachten, ohne mein Versteck verlassen zu müssen
Vor mir sah ich die dicken Haken der über kreuz geschnürten Stiefel, und die darüber fallenden Aufschläge der dunkelgrauen Hose. Nach und nach riskierte ich weitere Blicke. Der einheitsgraue Mantel, ebenfalls in gleichen Farbton wie die Hose, wollte und wollte nicht enden. Mir erschien mein Vater unendlich groß. Langsam tastete ich mich mit meinen Blicken weiter nach oben. Ich erkannte den Rucksack der am Unterarm an einer der Schlaufen nach unten baumelte. Ich stützte mich mit meiner kleinen Hand auf dem Boden ab, um noch ein wenig mehr mich nach vorne zu beugen. Dann sah ich den Kopf auf dem ein Hut saß. Ein leichter Schatten fiel auf sein sehr blasses Gesicht. Versteinert von dem Anblick und dem lauten Gezeter meiner Mutter blieb ich ganz still sitzen. Jeder Wortschwall von ihr lies das Gesicht des Mannes noch blasser erscheinen und immer wieder zuckte er kaum merklich zusammen, wenn meine Mutter ihre Stimme erhob.
Irgendwann öffnete mein Vater seinen Rucksack und entnahm ein kleines Päckchen das er vorsichtig auf den Tisch legte. Ein kurzer Augenblick der stille breitete sich in der Küche aus. Meine Mutter hantierte weiter am Spültisch und ignorierte dabei demonstrativ meinen Vater. Dieser drehte sich langsam um und verliess schweigend den Raum.
Meine Mutter folgte ihm zur Türe schob ihn nach draußen in den dunklen Flur, danach fiel mit einem dumpfen Schlag die Türe ins Schloss, während sie noch etwas hinter ihm her rief, und gleichzeitig den großen Schlüssel im Schloss hastig umdrehte. Im Raum war es jetzt ganz still. Nur die dumpfen Schritte der schweren Stiefel in denen mein Vater die Treppe hinunterging waren noch zu hören. Er war der Mann im Trenchcoat.

Ich wusste bei Gott nicht, was mich plötzlich dazu veranlasste diese Geschichte aufzuschreiben, wie ich schon zu Beginn erwähnte. Sie lag ja so unendlich lange zurück. Auch hatte ich nur wage Erinnerungen an das Geschehen, an diesen Menschen, der eines Tages in unserer Küche stand. Groß, hager, blasses Gesicht im langen Mantel, der Hut mit einer etwas breiten Krempe und einem alten verbeulten Rucksack, den er beim Eintreten in die Küche vom Rücken genommen hatte.