Das verpackte Leben. Oder die Überraschung in einer Kiste.

… ein nicht gelebte Leben holt dich ein…

Ich sehe dich…

Da stand sie nun vor mir. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, dass sie so groß gewesen ist, nachdem ich sie damals im Keller abgestellt hatte. Das Hinterste kaum benutzte Regal hatte ich dafür ausgesucht, nur um sie einfach loszuwerden. Sie stand mir nun schon viel zu lange im Weg herum und blockierte meinen Alltag. 

Altes Gerümpel dachte ich, während ich mich bemühte sie aus dem Regal zu ziehen. Was hatte mich nur bewogen, diesen verstaubten mit Spinnweben überzogenen Karton wieder hervorzuholen. Was wollte ich mit dem alten Zeug, aus unendlich zurückliegenden Jahren, in denen sie in Vergessenheit geraten waren. 

Wenn ich ehrlich zu mir war, ich wusste selbst nicht einmal mehr, was ich so, alles darin verstaut hatte. Ich stand am Regal bemühte mich die schwere Kiste herauszuzerren und überlegte dabei krampfhaft, wieso ich sie ausgerechnet jetzt öffnen wollte, anstatt sie sofort zu entsorgen, wovon ich schon seit langem überzeugt gewesen war, dies bereits erledigt zu haben. 

Als ich sie endlich vor mir auf dem Fußboden hatte, war mir klar, so wie sie hier nun vor mir stand konnte ich sie auf gar keinen Fall die Treppe nach oben bringen. Ich brauchte dafür dringen Hilfe. Doch wer sollte mir dabei behilflich sein. Ach ja, mein Sohn! 

„Was willst du denn mit dem alten Karton. Entsorge ihn doch samt Inhalt“, würde mein Sohn sagen, wenn ich ihn bitten würde, das schwere Ding nach oben zu hieven. „Da hast du nur wieder Sauerei und Arbeit. Schmeiß alles weg, Kümmere dich nicht um den alten Kram, das brauchst du nie wieder im Leben.“  

Natürlich, wer weiß schon, vielleicht hatte er recht, dachte ich. Wobei irgendwie hatte ich mich in den Gedanken verrannt, hier würde ich etwas wiederfinden, das mir schon sehr lange verloren gegangen war.  Ja, mein Sohn wusste nicht was mich dazu bewogen, an den Karton zu denken, warum ich ihn plötzlich gesucht, und, ach ja, Gott sei Dank auch gefunden hatte.  Auch konnte er nicht ahnen, dass ich im eigentlichen Sinne auf der Suche nach mir selbst, einem Teil meines längst hinter mir liegenden und schon vergessenen Alltag, oder auch nach Versäumnissen aus diesem meinem bisher vergangenen und zurückliegendem Leben war. 

Da stand er nun, wackelig und eingedrückt, die alten Klebebänder durch die Feuchtigkeit sich langsam auflösend, mit dicken Staubpartikeln überzogen. Es sah schon komisch aus, wie der schwere Karton ein wenig verloren vor mir am Boden stand. 

Der Versuch ihn in Richtung Eingangstür zu schieben, gelang mir nicht. Also ging ich nach oben und holte mir eine Sackkarre, damit ich den Karton weitertransportieren konnte.  Damit im Flur angekommen, wischte ich den dicksten Staub vom Deckel, löste die Schnüre und anschließend die Klebebänder. Vorsichtig öffnete ich ihn, während mein Herz bis zum Hals klopfte. 

Kunterbunt durcheinander gewürfelt, sah ich all die vielen Dinge, die ich in irgendeiner Lebensphase einmal hier hineingepackt hatte. 

Da lagen zwischen Teddybären und Puppen Träume und Wünsche aus langen zurückliegenden Lebenszeiten. Dazwischen der große Spleen die Welt für mich zu erobern, eingeklemmt in Verrücktheiten und Dummheiten. Dem Ausbrechen aus Alltagszwängen, mich allen Gesetzmäßigkeiten entgegenzustellen, einmal Dinge zu tun, mit denen man sich in der Gesellschaft keine Freunde macht. 

Doch all das war zugedeckt von Traurigkeit und Tränen, die zwischen den Büchern versickert waren. Da gab es Erlebnisse, Kindergeschichten, Mutter- und Ehepflichten, unterdrückte Lern- und Krankheitsprozesse, Hoffnungen von nie zu erreichenden Vorstellungen, die wie bunte Luftballone über all den Spielsachen, Fotoalben, Zeichnungen, Noten, Musikinstrumenten, Auszeichnungen, Zeugnissen Belobigungen, Beschimpfungen und Versagensängste schwebten. 

Unter all den „Kostbarkeiten“ eines zurückliegenden Lebens, lag bislang nicht beachtet ein kleines in vergilbtem rosa Seidenpapier eingewickeltes Kästchen. Von dem Plunder fast vollkommen verdeckt, sah ich es nicht gleich auf dem Boden im Karton liegen. Ich zog es vorsichtig hervor und bemerkte plötzlich wie meine Hand, ja, sogar ich selbst zu zittern begann. 

Freude, Angst, Zweifel und ein Gefühl als ob ich Achterbahn fahren würde, überkamen mich. Ich war völlig durcheinander. Sollte ich das Päckchen öffnen? Neugierig genug war ich schon. Natürlich kroch auch ein wenig Angst mir den Rücken empor. Was sich wohl darin versteckten mag ? Was sehe ich für schöne bunte und lieb gewordenen Gewohnheiten? Welche Bilder oder gar Neuigkeiten gilt es hier zu entdecken? Oder sehe und finde ich völlig neue Träume und Wünsche? Wenn das all die Fragen sind, die mich meiner Identität näher bringen, oder neue und ungeahnte Erlebnisse mir offenbaren, dann, ja dann….

Glaubt mir…..ich werde das Kästchen öffnen, ich werde hineinsehen was es drinnen verborgen hält, dann werde ich euch -wer weiss -vielleicht eines Tages davon erzählen. 

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